Eine der seltsamsten Annahmen in modernen literalistischen Lesarten der Schrift ist die Vorstellung, die Bibel müsse behandelt werden, als wäre sie ein einziger Typ Dokument mit einem einzigen Deutungsschlüssel. Als wäre sie ein Rechtsvertrag, in dem jede Klausel einheitlich durchgesetzt werden muss, oder eine wissenschaftliche Arbeit, in der jeder Satz als präzise empirische Aussage gemeint ist, oder ein Kochbuch, bei dem es nur darum geht, die Anweisungen genau so zu befolgen, wie sie geschrieben stehen.
Aber sie ist nichts von alldem.
Sie soll leiten, gedeutet, durchdacht werden. Sie enthält Dichtung, historische Berichte, Erzählungen, Metaphern, prophetische Visionen und bewusste Übertreibung. Selbst die Worte Christi beruhen oft auf Gleichnis, symbolischer Umkehrung und Bildern, die klar nach Deutung verlangen statt nach mechanischer Anwendung. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man Jesus so oft in Gleichnissen sprechen sieht und sich dann dennoch entscheidet, die Bibel sei irgendwie wörtlich zu nehmen.
Die Psalmen sind keine Ingenieursnotizen. Die Propheten sind keine technischen Berichte. Die Evangelien sind keine Gerichtsprotokolle. Und sie alle so zu behandeln, als funktionierten sie im selben wörtlichen Register, macht den Text nicht klarer, sondern dünner und oft schlechter. Es liefert Atheisten den Stoff, um einfach die "Widersprüche zu beweisen".
An diesem Punkt geht etwas Wichtiges verloren: die innere Vielfalt der Stimmen und Gattungen in der Bibel, also genau das, was es ihr erlaubt, über Gott, den Menschen, das Leiden und den Sinn in mehr als einem Register zugleich zu sprechen.
Und hier beginnt der unbequeme Teil. Denn sobald du den Text in einen einzigen Modus flach drückst, erhebst du am Ende auch deine eigene Lesart dieses flachgedrückten Textes zur letzten Instanz. Deine Deutung, die unweigerlich von Sprache, Kultur, Bildung und persönlichen Annahmen geprägt ist, wird zur „offensichtlichen Bedeutung“.
So lässt sich die Frage kaum vermeiden: Wenn der Text derart vielschichtig, symbolisch und vielstimmig ist, warum sollte man annehmen, dass die Deutung irgendeines einzelnen, modernen Lesers automatisch die richtige und endgültige sei?
Der Literalismus gibt sich oft als Demut vor der Schrift. Doch er kann leicht in Anmaßung umschlagen: in die Überzeugung, die eigene Lesart eines komplexen, alten, gattungsreichen Textes sei nicht eine Lesart unter anderen, sondern die Lesart schlechthin. Die eine Art, ihn zu deuten. Und sobald das geschieht, wird die Bibel nicht mehr in ihrer ganzen Bandbreite gehört. Sie wird auf eine einzige Stimme reduziert, die verdächtig nach dem Leser selbst klingt.