Eine der merkwürdigeren Gewohnheiten der heutigen Debatte ist, dass das Christentum ausschließlich an den Moralmaßstäben des 21. Jahrhunderts gemessen wird, während seine Alternativen an genau dem Christentum gemessen werden, das diese Maßstäbe überhaupt erst mitgeformt hat.
Das heißt nicht, dass das Christentum unschuldig an Verfehlungen wäre. Es gab Religionskriege. Kirchen häuften Macht an. Christen verfolgten einander. Jede ehrliche Lektüre der Geschichte muss das anerkennen. Die Frage ist, ob das Christentum die Gesellschaften, die es berührte, menschlicher machte als die Kulturen, die ihm vorausgingen.
Die Antwort lautet oft: ja
Nimm den Krieg. Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass Christen Kriege führten. Das taten alle anderen auch. Die interessantere Frage ist, ob die christliche Zivilisation das Verständnis von Krieg veränderte. In der antiken Welt richtete sich der Krieg häufig nicht nur gegen Heere, sondern gegen ganze Bevölkerungen. Städte wurden geplündert. Zivilisten wurden niedergemetzelt. Überlebende wurden versklavt. Selten die Männer, die wurden im Krieg meist getötet oder hingerichtet. Die Vernichtung eines besiegten Volkes galt oft als normale Folge des Sieges. Frauen und Kinder wurden versklavt
Die Römer konnten außergewöhnlich diszipliniert sein, aber auch außergewöhnlich gnadenlos. Die Auslöschung Karthagos bleibt eines der berühmtesten Beispiele der Geschichte. Die griechische Kriegsführung war oft weniger systematisch, doch Zivilisten zahlten regelmäßig den Preis, wenn Städte fielen. Eroberung war nicht bloß militärisch. Sie war sozial, wirtschaftlich und demografisch.
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, an mittelalterliche christliche Versuche wie den Gottesfrieden und die Treuga Dei zu erinnern. Sie beendeten den Krieg nicht. Sie kamen dem nicht einmal nahe. Was sie taten, war, den radikalen Gedanken einzuführen, dass bestimmte Menschen vor Gewalt geschützt werden sollten und dass der Krieg selbst durch moralische Pflichten gebändigt gehört. Geistliche, Bauern, Pilger, Frauen und andere Nichtkombattanten wurden zunehmend außerhalb der legitimen Ziele des Konflikts gestellt. Die Ergebnisse waren unvollkommen und wurden oft missachtet, doch das Leben verbesserte sich gegenüber dem, was vorher war. Aber das Prinzip zählte. Eine Zivilisation begann zu argumentieren, dass nicht jeder im feindlichen Lager Freiwild war.
Dasselbe Muster zeigt sich, wenn von persönlicher Freiheit die Rede ist. Heutige Menschen nehmen oft an, das Christentum stehe der Freiheit von Natur aus entgegen, weil Kirchen historisch das moralische Verhalten reglementiert haben. Doch eine der folgenreichsten Veränderungen, die das Christentum einführte, betraf die Ehe selbst.
Über weite Strecken der Menschheitsgeschichte war die Ehe in erster Linie eine Abmachung zwischen Familien. Es ging um Besitz, Bündnisse, Erbe und gesellschaftliche Stellung. Der Wille der Braut wog oft weit weniger als der Wille ihres Vaters.
Das Christentum führte ein umstürzendes Prinzip ein: Die Zustimmung ist entscheidend, und damit eine Ehe gültig ist, muss sie eine freiwillige Wahl von beiden Seiten sein. VON BEIDEN SEITEN. Wenn die Ehe ein vor Gott geschlossener Bund war, dann konnte der Wille der Beteiligten nicht einfach übergangen werden. Das mittelalterliche Kirchenrecht betonte zunehmend die Zustimmung beider Parteien als wesentliches Element einer gültigen Ehe. Das schuf nicht im Handumdrehen die moderne Gleichheit, und Frauen blieben auf zahllose Weise benachteiligt. Aber es stellte ein moralisches Hindernis vor Praktiken, die jahrhundertelang als selbstverständlich galten.
Was mich interessiert, ist, wie oft diese Entwicklungen vergessen werden.
Das Christentum wird häufig als Macht der sozialen Kontrolle beschrieben. Manchmal, ja, war es das. Doch es stellte auch ältere Formen der Kontrolle infrage, die völlig normal geschienen hatten. Es bändigte bestimmte Arten von Gewalt. Es hob den Rang der Zustimmung. Es bestand darauf, dass Sklaven, Adlige, Herrscher, Witwen und Bettler vor demselben Gott standen und denselben grundlegenden Wert besaßen. Es bestand auf der universellen Würde des Menschen.
Das vielleicht wichtigste Beispiel ist das Leiden selbst. Die antike Welt bewunderte die Stärke. Das Christentum stellte einen gekreuzigten Gott ins Zentrum seiner Erzählung. Dieser Bruch ist heute so vertraut, dass man leicht übersieht, wie fremd er einst war. Die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Behinderten, die Verlassenen und die Besiegten gewannen eine neue moralische Sichtbarkeit, weil Christen darauf bestanden, dass der Wert eines Menschen nicht an der Macht gemessen wird.
Wir halten so vieles für selbstverständlich, das auf christlichen Werten ruht, dass wir vergessen, woher diese Werte überhaupt kommen
Nichts davon beweist, dass das Christentum immer recht hatte. Es beweist gewiss nicht, dass Christen ihren eigenen Prinzipien stets gerecht wurden. Die Geschichte liefert mehr als genug Belege für das Gegenteil.
Was es nahelegt, ist, dass das Christentum nicht nur mit der Welt verglichen werden sollte, in der wir jetzt leben, sondern auch mit den Welten, die vor ihm existierten. Wenn wir das tun, beginnt vieles, was heute gewöhnlich wirkt, überraschend revolutionär auszusehen. Die Ironie ist, dass manche der schärfsten Kritiker des Christentums sich oft auf moralische Annahmen stützen, die das Christentum selbst ins Zentrum der westlichen Zivilisation gerückt hat. Die Würde des Menschen. Der Schutz der Schwachen. Grenzen der Macht. Das moralische Gewicht der Zustimmung. Die Sorge um die Opfer.
Diese Vorstellungen kamen nicht aus dem Nichts. Und sie wurden auch nicht von selbst selbstverständlich.