Eines der komischsten Dinge an der säkularen modernen Kultur ist, den Menschen zuzusehen, wie sie das Christentum Stück für Stück neu erfinden und sich dabei die ganze Zeit intellektuell überlegen geben.
Die Leute haben die Beichte aufgegeben und zahlen jetzt jemandem 240 € plus Steuern pro Stunde dafür, dass er ihnen beim Beschreiben ihrer Schuld in einem sanft beleuchteten Raum zuhört. Sie haben die Sünde aufgegeben und durch „unverarbeitetes Trauma" ersetzt. Sie haben die Reue aufgegeben und durch „an sich arbeiten" ersetzt. Sie haben die Gewissenserforschung aufgegeben und durch Journaling-Apps und TikToks über Bindungstheorie ersetzt. Irgendwann möchte man die ganze Kultur unterbrechen und sagen: Die Katholiken haben dieses Produkt schon vor Jahrhunderten gebaut.
Ein großer Teil der modernen Therapiekultur funktioniert fast identisch mit Religion, nur benutzt sie klinisches Vokabular, damit es gebildeten Leuten weniger peinlich ist, mitzumachen. Du beichtest dein Versagen einer Autoritätsfigur. Du bekommst deutende Anleitung. Du vollziehst ritualisierte Selbstprüfung. Du durchsuchst deine Vergangenheit nach dem Ursprung deines Leidens. Du gehst und fühlst dich vorübergehend losgesprochen.
Der größte Unterschied ist, dass die traditionelle Beichte dir wenigstens sagt, dass oft du selbst das Problem bist.
Ja, die Leute machen sich über die „katholische Schuld" lustig, aber ist es wirklich gesünder, jahrelang jemandem dafür zu zahlen, dass er dir versichert, dein Partner sei toxisch, dein Chef übergriffig, deine Eltern hätten dir geschadet, deine Freunde saugten dir die Energie aus und jeder selbstsüchtige Impuls, den du hast, sei in Wahrheit ein unerfülltes emotionales Bedürfnis?
Die Therapiekultur neigt sich oft genau in diese Richtung. Jedes schlechte Verhalten kommt in eine erklärende Erzählung gewickelt. Du bist nicht eitel, schwach, selbstsüchtig, unehrlich, faul, arrogant, begierig oder verantwortungslos. Du hast ungelöste Verarbeitungsmuster, die mit emotionaler Vernachlässigung und intergenerationalen Traumastrukturen zusammenhängen. Der moderne säkulare Mensch kann seine psychische Landschaft mit erstaunlicher Präzision beschreiben und dabei fünfzehn Jahre am Stück moralisch reglos bleiben.
Das ist eine Menge geistiger Verrenkung, nur um nicht sagen zu müssen: „Ich habe mich schlecht verhalten."
Und die Sprache dehnt sich immer weiter aus, weil die säkulare Berufskultur kein stabiles moralisches Vokabular mehr hat. Niemand will Laster, Hochmut, Neid, Feigheit, Selbstsucht oder moralisches Versagen sagen, weil diese Wörter wehtun. Wichtiger noch: Sie implizieren Verantwortung. Also wird alles in therapeutische Formulierungen übersetzt, die weich genug sind, um ein HR-Seminar zu überleben.
Ein Mann ist nicht schwach und verantwortungslos. Er ist emotional nicht verfügbar.
Eine Frau ist nicht kontrollierend. Sie hat Probleme mit der Grenzregulierung.
Niemand ist mehr arrogant. Man überkompensiert aus Unsicherheit.
Niemand lästert. Man verarbeitet.
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Das Komischste ist, wie offensichtlich religiös die Struktur immer noch ist. Der Mensch kann offenbar nicht ohne Beichte, Lossprechung und moralische Deutung überleben, also hat die säkulare Kultur das Ganze von Grund auf neu gebaut. Wir beichten weiterhin. Wir suchen weiterhin Autoritätsfiguren. Wir wollen weiterhin die Versicherung, dass wir erlösbar und verstehbar sind. Wir haben nur die Priester durch Therapeuten ersetzt und das Kirchenfenster gegen skandinavisches Büromobiliar getauscht.
Und anders als das Christentum hat die Therapiekultur oft keinen Endpunkt jenseits der endlosen Selbstanalyse. Das Christentum sagt: Kehr um, nimm die Vergebung an und ändere dein Leben. Die Therapiekultur kann leicht zu einem unendlichen Abomodell werden, bei dem es nicht um Verwandlung geht, sondern um fortwährendes Verarbeiten.
Fairerweise: Therapie kann Menschen absolut helfen. Trauma ist real. Psychische Krankheit ist real. Psychologische Einsicht zählt. Aber die säkulare Kultur behandelt Therapie zunehmend nicht als Werkzeug, sondern als letzte moralische Instanz für die Deutung des menschlichen Lebens.
Das Christentum geht von einer härteren Prämisse aus: Ja, du bist verwundet. Aber du bist auch sündig. Manches Leid wurde dir zugefügt. Manches hast du selbst zugefügt. Das klingt hart, bis man begreift, dass es auch ermächtigend ist. Wenn deine Fehler zum Teil in deiner Verantwortung liegen, dann kannst du sie tatsächlich ändern.
Die moderne Therapiekultur tut sich oft schwer, das zu sagen, weil Beruhigung den Klienten bequem hält. Reue nicht. Wahrscheinlich hat die säkulare Gesellschaft deshalb die Beichte nachgebaut, die Reue aber aus dem Geschäft der Therapie entfernt.