Christen sagen zu Recht, dass die in Christus offenbarte Wahrheit nicht vorübergehend ist, sondern ewig. Das stimmt, aber es bedeutet weder Literalismus noch dass wir die Auslegung fallen lassen sollen. Der Fehler entsteht, wenn manche Gläubige das still in eine andere Behauptung verwandeln: Weil die Wahrheit ewig ist, soll jede biblische Äußerung so behandelt werden, als wäre sie außerhalb der Geschichte entstanden und brauche deshalb keine Auslegung mehr, sondern müsse wörtlich genommen werden, vor 2000 Jahren genauso wie heute. Das ist keine Treue. Es ist eine Weigerung, die Form der Offenbarung ernst zu nehmen. Es ist eine Weigerung, eben die Vernunft zu gebrauchen, die Gott uns gegeben hat.
Gott hat sich an einem bestimmten Punkt in der Zeit offenbart, und er hat durch Menschen gesprochen, in einer Sprache, innerhalb einer Geschichte, unter bestimmten Bedingungen und schließlich durch die Menschwerdung selbst. Das Wort ist Fleisch geworden, und das heißt, die Offenbarung kam mit Absicht durch die Zeit. Der Kontext gehört zu der Weise, wie Gott zu sprechen gewählt hat. Deshalb hat er das GESETZ ZUSAMMENGEFASST, damit uns klar ist, wie wir es auslegen sollen. Wir müssen die Gesetze und seine Botschaft durch diese Brille lesen. Auch die Briefe des Paulus.
Deshalb ist platter Literalismus ein so schlechter Zugang. Er verwechselt geistige Faulheit mit Treue und tut so, als hieße Gehorsam, den eigenen Verstand nicht zu gebrauchen, auf den Luxus von Kontext und Perspektive zu verzichten, den WIR heute haben und den Jesu unmittelbares Publikum NICHT hatte. Aber die Kirche hatte nie den Luxus, so zu leben. Das christliche Leben warf sofort Fragen auf, die bloße Wiederholung nicht klären konnte. Was ist mit den Heiden? Was mit dem mosaischen Gesetz? Was mit Gemeinden, die unter anderen Bedingungen und Zwängen lebten? Der Bedarf an Auslegung kam nicht mit dem modernen Liberalismus. Er kam mit dem Leben der Kirche selbst.
Literalismus ist nicht einmal traditionell. Von Anfang an waren sich die Kirchenväter darüber im Klaren, dass vieles in der Bibel seinem Wesen nach metaphorisch oder allegorisch ist und ausgelegt werden muss. Das Buch war NICHT dazu gedacht, ohne Kontext und Lehre gelesen zu werden. Deshalb gibt es die Kirche. Es ist eine protestantische Neuerung, es wörtlich zu nehmen und über die Auslegung zu stellen, in dem Versuch, den Einfluss der Kirche zu untergraben. Tja, das ist nach hinten losgegangen, oder? Nicht einmal Luther würde den Literalismus vertreten, den man die Evangelikalen in den USA betreiben sieht. Nicht einmal Luther würde auf die Daten schauen, die wir heute haben, und trotzdem sagen: „Ja, die Erde ist 6000 Jahre alt."
Und das Ironische daran ist, dass die Literalisten den Literalismus nicht einmal konsequent durchhalten. In der Sekunde, in der ein Vers unbequem wird, taucht plötzlich wieder Auslegung auf. „Das war symbolisch." „Das war kulturell." „Das war erfüllt." Genau. Das nennt man Hermeneutik. Die Kirche ist nur ehrlich genug, zuzugeben, dass Auslegung unvermeidlich ist, statt so zu tun, als läse jeder beliebige Typ mit einer Studienbibel die Schrift auf irgendeine vollkommen „klare" Weise.
Und schau dir die Ergebnisse an. Wenn die Bibel wirklich so selbstauslegend wäre, wie die Evangelikalen behaupten, wäre der Protestantismus nicht in Tausende von einander widersprechenden Denominationen explodiert, die alle behaupten, der Heilige Geist habe ihre Lesart persönlich abgesegnet.
Die Kirche hat von Anfang an verstanden, dass die Schrift mit Geschichte, Tradition, Philosophie und Lehre gelesen werden muss. Augustinus, Thomas von Aquin, die Väter – keiner von ihnen behandelte die Bibel wie ein göttliches Handbuch. Das Christentum hat 2000 Jahre überlebt, mit seiner Differenziertheit intakt. Dann taucht der moderne Fundamentalismus auf und tut so, als hieße Glaube, stolz auf Kontext, Wissenschaft und grundlegendes literarisches Verständnis zu verzichten.
Schau, Jesus war in seiner Botschaft, im Kontext, befreiend für die Frauen. Er hat sie gestärkt, er hat sie angesprochen in einer Zeit, in der das niemand tat. Er ließ zu, dass sie ihn in der Öffentlichkeit berührten, und sprach mit ihnen über Theologie. Er ging auf die Verbrecher zu, auf die Zöllner (das ist eine harte...), auf die Prostituierten. Er war einschließend. Wenn du die Kirche und seine Worte benutzt, um auszuschließen, dann folgst du nicht. Du verdrehst seine Worte, damit sie deine stützen.
Nicht an einer, sondern an drei Stellen: Matthäus 22,34-40, Markus 12,28-31 , Lukas 10,25-28