Es gibt eine bestimmte Art christlicher Rede, die mich seit jeher beunruhigt. Es ist nicht die Sprache der sittlichen Überzeugung selbst. Das Christentum scheut sich nicht, die Sünde beim Namen zu nennen. Es ist der Ton, der sich einschleicht, wenn die Überzeugung leise in Selbstgewissheit umschlägt, als wäre der Sprecher aus dem Zustand herausgetreten, den er beschreibt.
Die Tradition lässt diese Haltung nicht zu. Nur ein einziger Mensch war je ohne Sünde. Nicht in der überlieferten Geschichte, nicht in der verborgenen Geschichte, nicht in der weiten Spanne sittlicher Vorstellung, die Menschen auf sich selbst projizieren. Christus allein.
Und selbst hier tut die christliche Lehre etwas, das sich der einfachen Vereinfachung widersetzt. Der Logos ist kein geringeres Wesen innerhalb der Schöpfung. Er ist der, durch den alles geworden ist, ganz göttlich, ganz Gott, kein sittliches Vorbild, das zur Göttlichkeit emporgestiegen wäre, sondern die Quelle, aus der die sittliche Ordnung selbst hervorgeht. Und doch tritt in der Inkarnation eben dieser Logos in das menschliche Leben ein, ohne dessen Schwere abzulegen. Er erscheint nicht als fernes, unberührbares Sinnbild der Reinheit. Er tritt ein in Hunger, Erschöpfung, Trauer und den Druck der Versuchung. Das Leben treibt einen unweigerlich zur Sünde. Wir sollen sie meiden und denen helfen und vergeben, die sie begehen, und dabei lernen und uns bessern.
Die Evangelien gehen damit sorgfältig um. Christus wird nicht als theatralisch unverwundbar dargestellt. Er wird versucht. Er wird gedrängt, das Leiden zu meiden. In Gethsemane spricht er auf eine Weise, die jede sentimentale Glättung verweigert: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Die Furcht vor dem Tod ist dem menschlichen Zustand, den er annimmt, nicht fremd. Sie ist darin eingeschlossen. Was folgt, ist nicht das Fehlen des Ringens, sondern Gehorsam darin.
Das wiegt schwerer, als man es im alltäglichen christlichen Urteilen gewöhnlich gelten lässt. Wenn der einzige sündlose Mensch, der je gelebt hat, zugleich derjenige ist, der Versuchung, Trauer und Angst durchlebt, dann kann die sittliche Haltung, die uns Übrigen zusteht, nicht Selbstgewissheit sein. Sie kann nicht die stille Annahme sein, wir stünden über dem Zustand, den wir beurteilen.
Das Problem ist nicht die sittliche Unterscheidung. Das Christentum verlangt Unterscheidung. Das Problem beginnt, wenn die Unterscheidung sich leise in sittliche Distanz zu anderen Sündern verwandelt, als bedeutete Klarheit über das Unrecht zugleich Immunität davor. Das tut sie nie.
„Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“
Jedes menschliche Leben, ohne Ausnahme, wird innerhalb derselben Schranke gelebt: Wir sind nicht die Quelle unserer eigenen sittlichen Ganzheit. Das ist keine rhetorische Behauptung. Es ist die Grundbedingung der christlichen Anthropologie. Sie zu vergessen macht einen nicht gerechter. Es macht einen weniger bewusst dafür, was Gerechtigkeit überhaupt bedeutet.
Deshalb war das Urteil im christlichen Sinn seit jeher mit einer Warnung gepaart, die oft überhört wird. Das Maß, das du anlegst, wird an dich selbst angelegt werden. Nicht weil die Wahrheit relativ würde, sondern weil die Selbsttäuschung immer leichter fällt, wenn sie nach außen statt nach innen gerichtet ist.
Die gefährlichste Art christlichen Moralismus ist nicht die, welche die Sünde ernst nimmt. Es ist die, welche vergisst, dass der Sprechende bereits im selben sittlichen Ringen steht wie der, über den gesprochen wird. Ist das einmal verloren, hört das Urteil auf, eine Form der Klarheit zu sein, und wird zu einer Form der Verschleierung.
Und wenn es in der christlichen Ethik überhaupt einen festen Halt gibt, dann beginnt er hier: Kein Mensch war je ohne Sünde, und keinem Menschen ist die Illusion gestattet, er könnte die Ausnahme sein.