Ich verstehe, warum die Kirche in absoluten Begriffen über Abtreibung spricht. Wenn man einmal glaubt, dass menschliches Leben in einer moralisch entscheidenden Weise mit der Empfängnis beginnt, wirkt die Schlussfolgerung selbstverständlich. Was mir aber auffällt, wenn ich sowohl die Schrift als auch die Wirklichkeit der menschlichen Biologie lese, ist, wie schnell diese Gewissheit auf Verwicklungen stößt, mit denen die Rhetorik nicht umzugehen weiß.
Im Alten Testament fällt das moralische Gewicht einer Situation durchgehend auf das Leben, das bereits sozial und körperlich gefestigt ist. Das heißt nicht, dass ungeborenes Leben als nichts behandelt wird. Es heißt aber, dass der Text sich im Konflikt zwischen einem gefestigten Leben und einem möglichen nicht so verhält, wie es moderne Debatten unterstellen. Exodus 21 etwa wird von vielen jüdischen und christlichen Auslegern seit Langem so gelesen, dass die Schädigung einer schwangeren Frau an sich schwer wiegt, der Fötus aber nicht auf dieselbe moralische Stufe gestellt wird wie das voll ausgebildete Leben der Mutter. Wie immer man diese Auslegungen entscheidet, es lässt sich schwer behaupten, dass der Text eine schlichte Hierarchie aufstellt, in der fötales Leben restlos alle anderen Ansprüche überwiegt.
Das ist wichtig, weil christliche moralische Argumente oft so tun, als reichte uns die Schrift eine saubere, moderne Grenzdefinition. Das tut sie nicht. Sie gibt uns eine moralische Welt, in der Verantwortung wirklich ist, Schaden wirklich ist und gefestigtes menschliches Leben ein unmittelbares Gewicht trägt, das sich nicht auf abstraktes Potenzial reduzieren lässt.
Dann ist da die biologische Wirklichkeit, die die moderne Diskussion oft stillschweigend übergeht. Ein erheblicher Anteil befruchteter Embryonen überlebt nicht bis zur Geburt, und viele dieser Verluste geschehen, noch bevor eine Schwangerschaft überhaupt bemerkt wird. Das ist kein rhetorischer Punkt. Es gehört dazu, wie menschliche Fortpflanzung tatsächlich funktioniert. Es bedeutet, dass die moralische Rahmung „ein voll verwirklichtes Leben, das mit der Empfängnis beginnt“ unbequem neben der Tatsache steht, dass die Natur selbst die frühe Entwicklung als fragil, instabil und häufig nicht lebensfähig behandelt. Gott hat uns geschaffen, und er hat es mit diesem Merkmal getan.
Menschenwürde
Dann ist da die Frage der Würde, die die Kirche zu Recht in den Mittelpunkt ihrer moralischen Sicht stellt. Jeder Mensch trägt Würde. Diese Behauptung ist einer der tiefsten Beiträge des Christentums. Aber Würde lässt sich nicht als ein einseitiges Prinzip behandeln, das jeden Konflikt immer auf dieselbe Weise auflöst. Sie muss Zusammenstöße zwischen wirklichen Gütern erkennen können.
Nimm einen Fall, über den sich nicht ehrlich reden lässt, ohne ihn beim Namen zu nennen: eine Schwangerschaft als Folge einer Vergewaltigung. Der Drang der Kirche, ungeborenes Leben zu schützen, wird oft so dargestellt, als stünde er für sich allein, unberührt von den Umständen seines Ursprungs. Aber in dieser Situation ist zugleich die Würde einer Frau gegenwärtig, die bereits gewaltsam verletzt wurde, deren Körper bereits gegen ihren Willen benutzt wurde und deren Leben bereits durch das Verbrechen eines anderen umgekrempelt wurde. Und soll das Kind in einem solchen Umfeld heranwachsen? Zu fragen, was die Würde dort verlangt, heißt nicht, den Wert ungeborenen Lebens zu leugnen. Es heißt zu fragen, ob man von Würde verantwortlich reden kann, ohne anzuerkennen, dass sie zugleich in mehr als eine Richtung eingefordert wird.
Ich rede hier nicht von einer Schwangerschaft im späten Stadium oder von extremen Grenzfällen, die darauf angelegt sind, die Intuition zu verwischen. Ich rede von der frühen Schwangerschaft, in der sich die biologischen und moralischen Tatsachen noch entwickeln und in der die Belastungen für Körper und Leben der Frau wirklich sind, aber noch nicht so unumkehrbar wie in späteren Stadien.
Ich glaube nicht, dass die christliche Ethik von uns verlangt, das als ein Nullsummenspiel zu behandeln, in dem nur ein Leben zählen darf. Aber ich glaube schon, dass sie mehr intellektuelle Redlichkeit verlangt, als wir in öffentlichen Argumenten oft sehen. Es ist ein Unterschied, ob man die Würde ungeborenen Lebens bejaht oder jede Situation in ein einziges, undifferenziertes Verbot zusammenfallen lässt, das keinen Raum für Tragik, Konflikt oder Urteil lässt.
Was mich beunruhigt, ist nicht, dass Christen ungeborenes Leben ernst nehmen. Es ist, dass dieser Ernst oft mit einer Art moralischer Vereinfachung einhergeht, die die Schrift selbst uns gar nicht eilig zu geben scheint. Eine moralische Tradition, die einst mit Mehrdeutigkeit gerungen hat, wird in modernen Händen manchmal auf eine Klarheit verkürzt, die eher administrativ als theologisch wirkt.
Und ich bin nicht überzeugt, dass das der tieferen Gestalt des christlichen moralischen Denkens treu ist, das immer konkurrierende Ansprüche zusammenhalten musste, ohne so zu tun, als verschwände einer von ihnen einfach, weil der andere existiert.