Wer gerade ein paar der am besten belegten Dinge für langfristige Gesundheit macht, folgt oft nicht den Anweisungen seines Arztes. Diese Leute trainieren regelmäßig, schlafen nach einem festen Rhythmus, essen überwiegend unverarbeitete Lebensmittel, gehen raus, managen ihren Stress und halten soziale Bindungen aufrecht. Nicht gegen den Rat der Ärzte natürlich, aber eben auch nicht von ihnen geleitet.
Das Seltsame daran, jedenfalls für mich, ist, dass ein erheblicher Teil dieser Leute auch Dinge glaubt, die überhaupt nicht standhalten: Rohmilch als positive Gesundheitsentscheidung, Saatöl-Panik als allumfassende Erklärungstheorie, Influencer-mäßiges Misstrauen gegenüber ganz normalen Empfehlungen des öffentlichen Gesundheitswesens, ätherische Öle, Carnivore-Diäten, Detox … Der gute Rat und der schlechte Rat reisen zusammen. Genau das frustriert mich.
Die Medizin ist großartig. Wirklich
Die moderne Medizin ist immer noch die richtige Antwort, wenn mit deinem Körper tatsächlich etwas schiefgeht. Das will ich vorab klarstellen, weil zu viele Gespräche zu diesem Thema das verwischen und ich nicht als noch so ein Paleo-Idiot missverstanden werden will. Die Medizin ist die Institution, die den Aberglauben durch die Keimtheorie ersetzt hat, die Disziplinen aufgebaut hat, die Operationen überlebbar machten, die Hygiene standardisiert hat, Infektionskrankheiten in einem Ausmaß zurückgedrängt hat, an das kein früheres System auch nur annähernd herankam, und die täglich Menschen am Leben hält, durch Medikamente, Diagnostik und Akutversorgung, die früheren Jahrhunderten wie ein Wunder vorgekommen wären. Wenn du ernsthaft krank oder schwer verletzt bist, ist die moderne Medizin genau das, was du willst.
Das Problem ist nicht, dass die Medizin nichts über Prävention weiß. Das Problem ist, so wie ich es sehe, dass das System nicht darauf ausgelegt ist, sie gut zu liefern, und seine Fachleute auch nicht dafür belohnt … Die Vergütung nach Einzelleistung, kurze Hausarzttermine, die Fachärzte-Kultur und die Abrechnungslogik zeigen alle in Richtung Behandlung eines akut vorliegenden Problems. Sie zeigen nicht in Richtung, ernsthaft Zeit auf das Schlafmuster, die Ernährung, die Bewegungsgewohnheiten, die Stressbelastung und das soziale Umfeld zu verwenden, die dieses Problem über zehn Jahre geformt haben. Viele Ärzte wissen, dass diese Dinge wichtig sind. Die Struktur gibt ihnen kaum Raum, daran zu arbeiten. Die Struktur produziert das, was der Anreiz verlangt.
Diese Lücke schafft eine offensichtliche Marktöffnung. Communities, die sich um eine „primitive" oder antimoderne Gesundheitssprache herum gebildet haben, fanden eine echte Nachfrage, die die Medizin nicht ausreichend bediente. Verborgen mitten im Unsinn fanden sie echte Präventionsgewinne. Der Zusammenhang zwischen Krafttraining und langfristigen Gesundheitsergebnissen ist eine der stärksten immer wiederkehrenden Erkenntnisse in der Präventionsliteratur. Schlafdisziplin zählt, Zeit draußen zählt, die Qualität der Ernährung zählt, soziale Verbindung zählt, Bewegung zählt. Sie heilen keinen Krebs, aber sie helfen, ihn zu verhindern. Nichts davon sind abwegige Ideen. Sie werden bloß zu wenig geliefert, in einem klinischen System, das vor allem darauf gebaut ist, zu behandeln, zu stabilisieren und zu managen.
Das Problem ist, dass diese Communities solche Praktiken selten einzeln verkaufen, sie verkaufen ein Paket. Die sinnvollen Gewohnheiten kommen eingewickelt in identitätsstiftende Überzeugungen, die der Community helfen, Insider von Außenstehenden zu unterscheiden. Rohmilch ist ein gutes Beispiel. In dieser Welt wird sie zum Abzeichen des Misstrauens gegenüber Institutionen, Experten und ganz normalen Regeln des öffentlichen Gesundheitswesens, sodass am Ende Leute Rohmilch trinken und krank werden, um etwas zu beweisen. Genau deshalb halten sich die schlechten Ideen so leicht neben den guten. Die Community überträgt Zugehörigkeit ebenso sehr wie Praxis.
Genau hier kommt die klinische Mündigkeit ins Spiel. In klaren Worten meine ich damit die Fähigkeit, bei jeder Gesundheitspraxis zu fragen: „Welche Belege gibt es für genau diese Sache?", nicht: „Vertraue ich dem Stamm, der sie mir gereicht hat?" Wenn du diese Fähigkeit hast, kannst du das Training, die Schlafdisziplin, das Sonnenlicht, die sauberere Ernährung und die Aufmerksamkeit für Stress behalten und dabei die Rohmilch und die mechanistische Internet-Panik fallen lassen. Wenn du sie nicht hast, nimmst du das ganze Paket, weil die guten Teile die schlechten Teile verdient erscheinen ließen.
Genau deshalb will ich Leute nicht für ihre Irrationalität verhöhnen, und ich will die Alternativmedizin-Szene nicht romantisieren, bloß weil sie ein paar echte Präventionsgewinne gefunden hat. Die bessere Antwort ist, zwei Dinge gleichzeitig zuzugeben. Die Medizin ist für die Behandlung immer noch die Institution mit dem höchsten Vertrauen, nur eben nicht richtig auf Prävention ausgerichtet. Und sie hat genug Präventionsnachfrage unbedient gelassen, dass Spinner darauf einen Markt aufbauen konnten. Wenn das System den Leuten nicht beibringt, wie man gute Präventionspraxis von schlechter Community-Mythologie trennt, wird es jemand anderes tun. Meistens schlecht. Meistens, indem Leute von Rohmilch krank werden.
Ignaz Semmelweis' Arbeit zur Händehygiene, später durch die Keimtheorie bestätigt, bleibt einer der klarsten Fälle, in denen die Medizin nach institutionellem Widerstand am Ende doch eine richtige Praxis gelernt und standardisiert hat.
Die Literatur zum Krafttraining umfasst starke, immer wiederkehrende Zusammenhänge mit besseren langfristigen Gesundheitsergebnissen, darunter eine niedrigere Gesamtsterblichkeit in Beobachtungsstudien.