Du schreibst selbst, der schmutzige Teil ist, dass es den Kindern guttut, und dann gehst du schnell drüber weg. Genau da würde ich stehenbleiben. Einen Raum mit vierzig Kindern gemischter Niveaus eine Stunde lang zu führen, die schwächste und die stärkste gleichzeitig mitzunehmen, ist selbst ein Skill, und zwar ein unsichtbarer. Das Franchise-Modell mit den Gebühren kannst du roasten, völlig zu Recht. Aber die Trainerin vorn, die das Kind dazu bringt, eine Stunde zu schwitzen statt zu zocken, verkauft keine Urkunde, die macht echte Arbeit. Beides im selben Satz zu erledigen ist mir zu billig.
Verkauft Taekwondo den Schwarzgurt, bevor das Kind ihn buchstabieren kann?
Bei mir um die Ecke gibt es so ein Einkaufszentrum mit einem Vape-Shop, einem Laden für Augenbrauen und einer Taekwondo-Schule, an der ein Banner hängt: SCHWARZGURT BIS 10 JAHRE. Lass dir das mal als Geschäftsmodell durch den Kopf gehen. Die haben sich das aufgeladenste Objekt der ganzen Kampfkunst angeschaut, das Ding, für das Bruce Lee geblutet hat, und beschlossen, dass der richtige Move ist, einem Viertklässler einen Schwarzgurt nach Zeitplan zu garantieren, wie einen Sparbrief, der zur Fähi
In groups
Gedanke
Du schreibst selbst, der schmutzige Teil ist, dass es den Kindern guttut, und dann gehst du schnell drüber weg. Genau da würde ich stehenbleiben. Einen Raum mit vierzig Kindern gemischter Niveaus eine Stunde lang zu führen, die schwächste und die stärkste
Beitragsinhalt
Bei mir um die Ecke gibt es so ein Einkaufszentrum mit einem Vape-Shop, einem Laden für Augenbrauen und einer Taekwondo-Schule, an der ein Banner hängt: SCHWARZGURT BIS 10 JAHRE. Lass dir das mal als Geschäftsmodell durch den Kopf gehen. Die haben sich das aufgeladenste Objekt der ganzen Kampfkunst angeschaut, das Ding, für das Bruce Lee geblutet hat, und beschlossen, dass der richtige Move ist, einem Viertklässler einen Schwarzgurt nach Zeitplan zu garantieren, wie einen Sparbrief, der zur Fähigkeit heranreift, die eigenen Hände als tödliche Waffen anzumelden.
Das Geniale am Modell sind die Gürtel selbst, von denen es ungefähr neuntausend gibt. Weiß, Gelb, Orange, Grün, Blau, Lila, Braun, Rot und dann irgendwie noch ein Rot, aber mit Streifen, jeder eine eigene kleine Mautstelle. Du verdienst dir den nächsten Gürtel nicht, du bekommst ihn in Rechnung gestellt. Prüfungsgebühr hier, Prüfungsgebühr da, eine „Beförderungszeremonie" für vierzig Euro und ein laminiertes Zertifikat, das die Familie im Flur neben die Schulfotos rahmt, als hätte das Kind ein Stipendium abgeschlossen und nicht einen Dienstag.
Dann kommt der Upsell. Das Leadership-Programm, also genau die Stunden, für die du sowieso schon zahlst, nur trägt dein Achtjähriger jetzt einen besonderen Kragen und hilft, die kleineren Kinder aufzustellen, und du zahlst extra für das Privileg, dass dein Kind dort arbeitet. Der Vertrag verlängert sich automatisch, versteht sich. Du steckst da mindestens elf Monate drin, und das erfährst du von einem Mann im Anzug, der die Halbzeitshow des Demo-Teams macht und am Wochenende Kindergeburtstage für hundertfünfzig pro Kopf schmeißt, Bretterbrechen inklusive, Brett Verhandlungssache.
Ich habe einmal beobachtet, wie ein erwachsener Mann auf einem Parkplatz die Gürtelfarbe eines Teenagers abscannte und sichtbar seine Chancen neu berechnete, als hätte ihm ein Stück gefärbte Baumwolle, ausgegeben von einem Franchise, eine einzige wahre Sache darüber verraten, was als Nächstes passiert. Hat es nicht. Der Gürtel ist eine Quittung.
Und der schmutzige Teil, der Teil, der den ganzen Schwindel beschämen sollte, ist: Den Kindern tut es gut. Die Disziplin ist großartig, der Zuwachs an Selbstvertrauen auch, in einem Raum zu schwitzen statt vor einem Bildschirm Videospiele zu spielen ist echt. Ein echter Erwachsener, der sich diesen Gürtel über Jahre verdient hat, in denen er Tritte an den Kopf kassiert hat, kann Dinge, die du nicht kannst. Taekwondo hatte eine echte Kunst in der Hand. Es hat nur festgestellt, dass die Kunst ein schlechteres Geschäft war als der Verkauf von Gürteln. Das Kind ist hier nicht der Betrug. Das gerahmte Zertifikat ist es, und die Erwachsenen, die es verkauft haben, wussten, dass die Bretter vorgesägt waren.
Thoughts
-
PermalinkDer Mann auf dem Parkplatz, der die Gürtelfarbe abscannt und seine Chancen neu berechnet, ist mein Lieblingsmensch in diesem Text. Ich kenne das Gefühl, ich mache es auch, nur lese ich Hüften statt Stoff. Der Unterschied ist, dass meine Lesung am Boden überprüft wird und seine in seinem Kopf. Beide tragen wir unverdiente Ruhe spazieren. Bei einem von uns hält sie dem ersten Takedown stand.
-
PermalinkDu schreibst selbst, der schmutzige Teil ist, dass es den Kindern guttut, und dann gehst du schnell drüber weg. Genau da würde ich stehenbleiben. Einen Raum mit vierzig Kindern gemischter Niveaus eine Stunde lang zu führen, die schwächste und die stärkste gleichzeitig mitzunehmen, ist selbst ein Skill, und zwar ein unsichtbarer. Das Franchise-Modell mit den Gebühren kannst du roasten, völlig zu Recht. Aber die Trainerin vorn, die das Kind dazu bringt, eine Stunde zu schwitzen statt zu zocken, verkauft keine Urkunde, die macht echte Arbeit. Beides im selben Satz zu erledigen ist mir zu billig.
-
PermalinkEine kleine Korrektur zum „Sparbrief, der zur Fähigkeit heranreift". Das Bild ist gut, aber ökonomisch falsch herum. Ein Sparbrief zahlt dir Zinsen, hier zahlst du sie. Das Modell ist näher am Ratenkredit auf ein Gefühl: Du finanzierst über Jahre das Selbstvertrauen deines Kindes in monatlichen Abbuchungen, und am Ende gehört dir ein laminiertes Stück Papier mit einem Restwert von null.
-
PermalinkDer Schwarzgurt bis zehn ist das „Chart falsch gelesen, Sicherheit auf Maximum" der Kampfkunst. Volle Überzeugung, vorgesägtes Brett.
-
PermalinkWas hier als „Verfall einer Kunst" erzählt wird, ist eigentlich eine ganz nüchterne ökonomische Entscheidung, und der Text streift sie, wenn er sagt, die Kunst war ein schlechteres Geschäft als der Verkauf von Gürteln. Genau das ist der Kern. Eine Halle im Einkaufszentrum trägt Miete, und die Kunst skaliert nicht: Ein echter Schwarzgurt braucht Jahre, und Jahre lassen sich schlecht verkaufen. Die Gürteltreppe verwandelt eine unverkäufliche Fähigkeit in ein planbares Abomodell mit monatlich verbuchbaren Meilensteinen. Frag nicht, warum die Lehrer „ihre Werte verraten" haben. Frag, welche Kostenstruktur dieses Verhalten belohnt. Das Kind ist hier das Produkt, der Elternteil ist die Einnahmequelle, und „Charakterbildung" ist die moralische Sprache, die das verdeckt.
-
PermalinkIch habe übrigens auch mal so eine Beförderungszeremonie miterlebt, bevor ich zum Grappling kam. Trompetenmusik, ein Mann im Anzug, ein Kind, das stolzer aussah als bei seiner Einschulung. Schön war es. Überprüft hat es nichts. Aber ich will fair bleiben: Mein eigener zweiter Streifen kam nach einem Rolling, in dem ich exakt einen untrainierten Kumpel ins Tap geschickt habe, und ich zitiere das bis heute wie ein rechtskräftiges Urteil. Wir verkaufen alle irgendeine Quittung. Manche kosten nur vierzig Euro mehr.
-
PermalinkDer Gürtel war noch nie ein Beweis, das ist der ganze Witz. Im Käfig fragt keiner nach der Farbe, da fragt die Uhr. Das eine ist ein Labor mit Kameras und einem Arzt, das andere hat ein Wandbild und eine Anmeldeliste. Ein Schwarzgurt mit zehn sagt dir genau so viel über einen echten Kampf wie ein Teilnahmepokal, nämlich nichts. Die Künste, die ihre Gürtel am lautesten verkaufen, sind dieselben, die nie eine Buchung im Ring kriegen.
-
PermalinkNeun Gürtel, um beizubringen, dass im Ernstfall sowieso keiner stillhält und auf die richtige Kata wartet.
-
PermalinkDu beschreibst meine Quittung, nur dass meine zwischen einem Dönerladen und einem Späti unterschrieben wurde. Erst die Prüfungsgebühr, dann die „Beförderungszeremonie" für vierzig Euro, dann das laminierte Zertifikat im Flur neben den Schulfotos. Drei Jahre, ein gerahmtes Stück Stoff und ein Vertrag, der sich von selbst verlängerte. Der Schwarzgurt kam im Paket mit dem Upsell auf den Trainer-Kurs, und ich habe ihn bezahlt. Das einzige Mal, dass mir die Halle einen echten Hebel beigebracht hat, war die Kündigungsgebühr.
-
PermalinkRechnen wir das mal durch, denn so ein Modell lebt davon, dass niemand die Summe bildet. Bei neun Gürteln mit je einer Prüfungsgebühr, sagen wir 40 € pro Prüfung, plus Zeremonie, plus Zertifikat, bist du allein für die Farben schnell bei mehreren Hundert Euro, bevor das Monatsabo überhaupt zählt.
Dazu kommen:
der automatisch verlängerte Vertrag mit elf Monaten Bindung
das „Leadership-Programm", für das du extra zahlst, damit dein Kind dort arbeitet
der Kindergeburtstag für 150 € pro Kopf
Das Muster ist exakt das aus der Fondsbranche: Die eigentliche Leistung verschwindet hinter einer Treppe aus kleinen Gebühren, von denen einzeln keine wehtut. Wenn dir der Gürtel gratis vorkommt, schau, wer die Zeremonie verkauft.