Sigmund Freud: Das Unbewusste und das Vorbewusste – Dialog und Auseinandersetzung mit uraltem Wissen
Wie können wir vom Unbewussten und dem Vorbewussten als zwei Empfängern livider Aktivität sprechen, die sich im Laufe des Lebens durch Erfahrungen formen und so das Verständnis von Anpassungsprozessen an Umwelt und Raum prägen, indem sie die Konzeption von Zeit und Raum als Schöpfungen der Erfahrung formen? Das Vorbewusste und das Bewusste sind keine zwei getrennten Kräfte, als ob jede ihre Aktivität unabhängig von der anderen entfaltete. Vielmehr stehen sie in Beziehung zueinander; die eine präformiert die andere, und die andere verleiht Sinn. So wird das Leben in der Lividität von Empfindungen von Lust und Unlust bestimmt, welche das biologische Leben in der Integrität der Triebkräfte des Orgons und ihrer lividen Pulsationen gewährleisten. Diese Aktivität, die den Beziehungen zwischen verschiedenen Körperteilen Sinn verleiht, bedeutet, dass, wie Organe an Krankheiten leiden, auch das psychische Leben im Zusammenhang mit seinem Anpassungsprozess an Umwelt und Realität Krankheiten erleidet.
Wie Freud aufzeigt, können die Empfindungen von Lust und Unlust, die unsere Realitätsvorstellung und unsere Anpassung an sie prägen, durch Erfahrungen verändert werden, die das Verhältnis zwischen Lust und Unlust aufbrechen. So kann eine Erfahrung, die in ihrer gelebten Form nicht mit den libidinösen Kräften übereinstimmte, zu einem Trieb werden, der den freien Fluss der Libido im Seelenleben beeinträchtigt. Erfahrungen wie Misshandlung und Missbrauch lassen sich nur schwer in der Libido verankern und in die Bilder integrieren, die im Ozean der Leidenschaften – wie Freud es nannte – entstehen. Dadurch kann man ein Leben führen, das den vielfältigen libidinösen Manifestationen in zwischenmenschlichen und gemeinschaftlichen Beziehungen nicht gerecht wird. Der Schlaf sollte daher als eine Form des Seelenlebens geschätzt werden, die es ermöglicht, den Triebfluss wiederherzustellen und ihn in seinen befreiten Zustand zurückzuführen, in dem das Bewusstsein ihn steuert und reguliert. Dies betrifft das Leben des Unbewussten und Vorbewussten.
Doch wie lassen sich diese Erfahrungen auf indigene Völker übertragen, die sozusagen nicht an die Existenz einer Libido glauben, sondern vielmehr an die Existenz eines Totems oder einer anderen Figur, die ihre Beziehungsformen prägt und auf deren Grundlage die Wahrnehmung und Gestaltung von Beziehungen aufgebaut ist? Wie können wir aus freudianischer Sicht jemanden wertschätzen, der glaubt, dass in ihm vielleicht eine Schlange, eine Frucht oder Mutter Erde wohnt und der danach strebt, sein psychisches Leben in Harmonie mit ihr zu leben? Zweifellos stoßen Psychoanalyse und Freuds Konzepte, wie auch andere, etwa religiöse, in dieser Hinsicht an ihre Grenzen. Sie können den erkenntnistheoretischen und ontologischen Prozess der Entstehung dieser anderen Anpassungen und Verständnisse zwischenmenschlicher Beziehungen und des Gemeinschaftslebens nicht durchdringen – ein erkenntnistheoretisches Problem nicht nur für die Psychologie, sondern auch für die Ethnologie und Soziologie. Dadurch werden diese auf bloße Glaubensvorstellungen reduziert und die Bedeutung im Bewusstsein dieser Menschen, die nicht nur in ländlichen Gebieten, sondern auch in unseren Städten leben, ignoriert und nicht wertschätzen. Daher besteht der Bedarf an flexibleren Humanwissenschaften, einschließlich der Theologie, um diese anderen Erfahrungen wertschätzen und anerkennen zu können.